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  • AutorenbildFisnik Komoni

Der glückliche König und sein Volk



Ein persischer König schwelgte eines Abends in seinem Palast in äußerstem Luxus und in Wohlbehagen. Im Überschwang der Freude und des Glücks wandte er sich an einen Mann aus dem Volk und sagte: „Dies ist der glücklichste Augenblick in meinem ganzen Leben. Gott sei gelobt! Wo ich auch hinschaue, sehe ich Wohlfahrt und lachendes Glück. Meine Schatzkammer ist voll, mein Heer gut versorgt. Ich habe viele Paläste, mein Land hat keine Grenzen, meinen Angehörigen geht es gut, groß ist meine Ehre und meine Herrschaft. Was sollte mir noch fehlen?“


Der Arme am Tor des Palastes faßte sich ein Herz und sprach frei heraus: „O du gütiger König! Angenommen, du seiest rundherum glücklich, frei von jeder Sorge und jedem Leid: Sorgst du dich nicht um uns? Du sagst, du selbst habest keinen Kummer; aber kümmerst du dich niemals um die Armen in deinem Land? Ist das richtig und in Ordnung, daß es dir so gut geht und wir in solcher Armut, solchem Elend leben? Wenn du unsere Sorgen und Nöte siehst, wie kannst du da in deinem Palast bleiben, wie kannst du auch nur sagen, du seiest frei von Kummer und Sorgen? Als Herrscher darfst du nicht so ich süchtig sein, nur an dich selbst zu denken. Du mußt an diejenigen denken, die deine Untertanen sind. Wenn es uns gut geht, wird es auch dir gut gehen. Wenn wir elend sind, wie kannst du als unser König glücklich sein?“


Der Sinn dieser Geschichte ist, daß wir alle denselben Erdball bewohnen. In Wirklichkeit sind wir eine einzige Familie, und jeder von uns ist einer ihrer Angehörigen. Wir müssen alle in größtmöglichem Glück und Wohlstand unter einer gerechten Herrschaft und Verfassung leben, die mit dem Wohlgefallen Gottes übereinstimmt und uns dadurch glücklich macht; denn dieses Leben ist ein flüchtig Ding.


Wäre der Mensch nur dazu da, für sich selbst zu sorgen, dann wäre er nichts als ein Tier; denn nur die Tiere sind so selbstsüchtig. Wenn Sie tausend Schafe an einem Brunnen zusammentreiben und neunhundertneunundneunzig davon abschlachten, dann wird das eine überlebende Schaff ruhig weitergrasen; es wird nicht an die anderen denken, wird sich nicht um die verlorenen Schafe sorgen. Nichts wird es ihm ausmachen, daß sein eigenes Fleisch und Blut dahingegangen und umgekommen ist oder geschlachtet wurde. Sich nur um das eigene Ich zu kümmern, ist demnach eine tierische Neigung. Es ist eine tierische Lebensweise, allein und einzelgängerisch zu sein. Es ist ein tierischer Trieb, nur für die eigene Behaglichkeit zu sorgen. Aber der Mensch ist dazu erschaffen, Mensch zu sein: fair, gerecht, barmherzig, gütig zu allen Artgenossen zu sein, niemals darauf aus, daß es nur ihm selbst gut geht, während andere in Not und Elend leben; denn solches Fehlverhalten wäre ein tierischer, kein menschlicher Zug. Nein, der Mensch sollte vielmehr Belastungen auf sich nehmen, damit andere Wohlstand genießen; er sollte sich Sorgen aufladen, um anderen Glück und Wohlbefinden zu verschaffen. Das sind menschliche Wesenszüge. Das ist Menschwerdung. Anders ist der Mensch kein Mensch, sondern weniger als ein Tier.


Wer nur an sich selbst und nicht an andere denkt, ist ohne jeden Zweifel dem Tier gegenüber minderwertig, weil das Tier nicht mit Verstand begabt ist. Das Tier hat eine Entschuldigung; aber der Mensch hat Verstand, Gerechtigkeitssinn und Mitleidsgefühle. Wenn er alle diese Fähigkeiten besitzt, darf er sie nicht ungenutzt lassen. Wer so hartherzig ist, daß er nur an sein eigenes Behagen denkt, kann nicht Mensch genannt werden.


Text aus dem "Bahai Briefe, Heft 39, Januar 1970"

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